25 Jahre nach Tschernobyl – Wege zu einer transnationalen Erinnerungskultur

Tschernobyl als europäische Herausforderung
Am 26. April wird sich die Reaktorexplosion von Tschernobyl das 25. Mal jähren. Der Name „Tschernobyl“ steht seither für eine Umweltkatastrophe, deren entsetzliche Ausmaße und Folgen eine tiefe Erschütterung auslösten: Mit Tschernobyl, dem radioaktiven Fall-out in mehreren europäischen Ländern war die grenzüberschreitende Bedrohung durch technogene Katastrophen erstmals Realität geworden. Eine Fläche von 150 000 km2 in Belarus, der Ukraine und Rußland wurde damals auf lange Zeit verstrahlt. Allein in Belarus lebten zum Zeitpunkt der Katastrophe 2,2 Mio. Menschen in den betroffenen Gebieten, heute sind es immer noch 1,3 Millionen, darunter ca. 200.000 Kindern. Im Zuge der Langzeitfolgen der Strahlenbelastung nehmen Krebserkrankungen, Säuglingssterblichkeit, genetische Schäden und Fehlbildungen in den verstrahlten Gebieten spürbar zu. Für die Katastrophenbekämpfung selbst, d.h. von den akuten Löscharbeiten bis zur Errichtung des Sarkophags, wurden damals allein ca. 600.000 bis 800.000 Menschen als sog. Liquidatoren eingesetzt. Die gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Folgen des Unglücks sind gravierend.


„25 Jahre nach Tschernobyl“: Menschen – Orte – Solidarität
Über zwanzig Jahre nach der Katastrophe scheint jedoch Tschernobyl – als eine „letzte Warnung“ (Robert Gale) – zunehmend in Vergessenheit zu geraten. Tschernobyl mit all seinen Folgen bleibt aber auch ein Viertel Jahrhundert später eine Herausforderung und Zu-Mutung für die Gegenwart und Zukunft. Den drängenden Fragen, die auch im Schatten des 25. Gedenk- und Jahrestages nicht verjähren, möchte sich das Projekt auf inhaltlich und methodisch vielfältigen Wegen annähern:
-Welches Vermächtnis hinterlässt uns Tschernobyl? Wie muß Tschernobyl im Kontext der aktuellen Debatten über Klimawandel, Energieversorgung und Umweltzerstörung bewertet werden?
-Welche Gründe gibt es für das weitgehende kollektive Verdrängen und das Vergessen von Tschernobyl? Wie nehmen zum Beispiel junge Menschen heute Tschernobyl wahr?
-Wie sieht die Solidaritätsbewegung heute in Europa und anderswo aus? Was hat sie geleistet, was konnte sie bewirken?
-Und schließlich: Wie leben die betroffenen Menschen in Belarus und der Ukraine mit der Katastrophe heute? Wie hat dieses Ereignis ihr Leben verändert?
Das Kooperationsprojekt „25 Jahre nach Tschernobyl“, an dem das IBB Dortmund, die Stiftung Mercator, der europäische Verein EUSTORY und das IBB „Johannes Rau“ in Minsk beteiligt sind, wird im Vorfeld des Jahrestages die Bedeutung der Reaktorkatastrophe aus drei Blickwinkeln neu beleuchten. Unter dem Motto „Menschen – Orte – Solidarität“ werden vergessene oder verdrängte Aspekte von Tschernobyl wieder wahrnehmbar und sichtbar gemacht. Ermöglicht wird dies durch Begegnungen und Diskussionen, in der individuellen Erinnerungsarbeit wie durch die historiographische oder alltagsgeschichtliche Nachforschung.
Um der grenzüberschreitenden Bedeutung von Tschernobyl gerecht zu werden, ist bei fast allen Maßnahmen und Veranstaltungen ein europäischer Bezugsrahmen gegeben. Die Teilnehmer des Projektes kommen aus West-, Mittel- und Osteuropa.
Menschen: Helfer als Zeitzeugen
Die Dimension einer Katastrophe wie die von Tschernobyl erschließt sich niemals in der Nennung von Zahlen, faßbar wird das Unfaßbare erst im individuellen Schicksal: Für Millionen von Menschen in Belarus, der Ukraine und Rußland stellte der 26. April 1986 einen einschneidenden biographischen Bruch dar, der ihre Lebensbedingungen auf dramatische Weise veränderte. Wenig bekannt ist das Schicksal der sogenannten Liquidatoren, die nach der Kernschmelze im 4. Reaktorblock von Tschernobyl zu Lösch- und Aufräumarbeiten und später beim Sarkophagbau eingesetzt und damit einer hohen Strahlenbelastung in unmittelbarer Nähe des AkWs ausgesetzt waren. Was ist aus all den zahllosen Helfern geworden, die unter Gefährdung ihrer Gesundheit und ihres Lebens eine möglicherweise noch weit größere Katastrophe von Europa abwendeten? Das Projekt zielt hier auf die Aufarbeitung und Dokumentation einer vergessenen Gruppe von Menschen, die Helfer und Opfer zugleich sind.
50 belarussische und ukrainische Menschen mit unterschiedlichem biographischem Hintergrund (Feuerwehrleute, Soldaten, Ärzte, Ingenieure, etc.) werden daher in Interviews und Zeitzeugengesprächen zu Wort kommen. Sie erhalten die Möglichkeit, von Januar bis April 2011 an 25 Orten, in Schulen oder Abendveranstaltungen, von ihrem Leben, ihren Erfahrungen und den konkreten Folgen von Tschernobyl für ihren weiteren Lebensverlauf zu berichten.

Der Fotograf Rüdiger Lubricht, der durch seine künstlerischen Arbeiten zu Tschernobyl (u.a. zur Geisterstadt Prypjat in unmittelbarer Nähe des Atomkraftwerks) bekannt geworden ist, gestaltet im Vorfeld des Jahrstages eine Fotoausstellung zu den Katastrophenhelfern. Die Ausstellung wird ab Januar 2011 unter dem Titel „Liquidatoren – die vergessenen Retter Europas“ jeweils eine Woche zu sehen sein und führt parallel zur Zeitzeugenreisen zu 25 verschiedenen Veranstaltungsorten. Interessierte Organisationen und Institutionen können über das IBB Dortmund, das die organisatorische Begleitung und die Reisekosten übernimmt, sowohl je zwei Zeitzeugen einladen als auch kostenlos die Ausstellung für eine Woche buchen.
(Erinnerungs-)Orte: „Tschernobyl war überall“
Tschernobyl ist ein kleiner Ort im äußersten Norden der Ukraine, der nur 15 km von der belarussischen Grenze entfernt liegt. Vor dem 26. April 1986 hatten wenige Europäer von ihm gehört. Drei Tage nach der Havarie war der Standort des explodierten Kernkraftwerks in aller Munde. 25 Jahre nach Tschernobyl fragen wir 50 junge Menschen aus ganz Europa, die zum Zeitpunkt des Unglücks noch nicht geboren waren, wie die Katastrophe damals in ihrem Heimatort wahrgenommen wurde. Beginnend mit dieser lokalen Recherche werden die junge Europäer zu Tschernobyl forschen und sich zwischen September 2010 und Februar 2011 in einem moderierten Internetforum (e-learning) austauschen. Sie werden zum Beispiel der Frage nachgehen, welchen Widerhall Tschernobyl heute in den Medien oder in Schulbüchern findet oder welche Bedeutung Tschernobyl jeweils für die Energiepolitik ihres Landes hat(te). Das Internetseminar schließt mit einem einwöchigen Auswertungsseminar in Berlin ab.
Eine Studiengruppe aus 22 jungen Europäern wird darüber hinaus Gelegenheit haben, bei einem Studienseminar in Belarus authentische Eindrücke zu gewinnen, die in das virtuelle Diskussionsforum einfließen. Vorgesehen ist u.a. die Begegnung mit Umsiedlern oder Liquidatoren und das Kennenlernen europäischer Hilfsprojekten.

Ziel des dreiteiligen Jugendbildungsprogramms, das EUSTORY im Rahmen seiner regulären Akademiearbeit durchführt, ist es, junge Menschen zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Tschernobyl anzuregen und sie für die gegenwarts- und zukunftsrelevanten Fragestellungen (Klima, Energie, Umwelt) nachhaltig zu sensibilisieren.
Europäische Solidarität
Zu wenig bekannt ist die Tatsache, daß Tschernobyl eine beispiellose internationale Solidaritätsbewegung ins Leben gerufen hat. Zahllose Initiativen haben in den letzen zwei Jahrzehnten ein breites Spektrum an grenzüberschreitender Hilfe und Partnerschaft – von der Kindererholung, der medizinischen und technischen Unterstützung bis
zu sozialen oder ökologischen Projekten – entwickelt. Allein in Deutschland sind es über 1000 Initiativen, die durch Spenden und ehrenamtliche Arbeit seit Anfang der 90er Jahren in Belarus und der Ukraine Hilfe leisten.
Im Rahmen des Projektes „25 Jahre nach Tschernobyl“ wird erstmals eine persönliche Begegnung und Ve
rnetzung der zahlreichen Tschernobylinitiativen auf europäischer Ebene ermöglicht. So werden bei der Internationalen Partnerschaftskonferenz in Minsk im April 2011 mindestens 60 Vertreter von europäischen Hilfsorganisationen eingeladen. Ziel ist es, aus den bisherigen Erfahrungen der Partner neue Perspektiven der Hilfe und der europäischen Zusammenarbeit zu gewinnen. Dabei wird die Gründung eines europäischen Netzwerks von zivilgesellschaftlichen Tschernobylinitiativen auch durch das Internetforum www.ost-west-initiativen.de des IBBs unterstützt. Hier können Hilfsorganisationen die eigene Arbeit der Organisation vorstellen, Kontakte knüpfen und in einem eigens eingerichteten „Tschernobyl-Forum“ aktuelle Fragen, Aktionen und Events diskutieren. Im Internetportal sind auch Erinnerungen und Interviews von Liquidatoren nachzulesen. Zwischen dem 26. April 2010 und dem 26. April 2011 (und danach) werden wöchentlich die Geschichte einer europäischen Hilfsorganisation im Selbstporträt vorgestellt, erzählt wird über Entstehung und Entwicklung der Initiativen, über ihre Erfolge und Mißerfolge.

Unter dem Titel „25 Jahre nach Tschernobyl - Europäische Solidarität und Erinnerungskultur“ wird das IBB Dortmund darüber hinaus erstmals den Versuch unternehmen, die Geschichte, die Aktivitäten und Rahmenbedingungen der europäischen Hilfsbewegung zu Tschernobyl systematischer darzulegen. Das Buch wird auch die Frage beleuchten, welche neuen Formen einer europäischen Erinnerungskultur sich in den letzten Jahrzehnten zu Tschernobyl entwickelt haben. Das voraussichtliche Erscheinungsdatum ist Januar 2011.
Das Projekt endet mit einer zentralen Abschlußveranstaltung „Tschernobyl als europäische Herausforderung“ in Berlin am Jahrstag des 26. April 2011
